Wer gehört eigentlich zur Unternehmerfamilie?

Julia Stoschek ist die Erbin eines der größten Automobil-Zulieferers der Welt. In der Süddeutschen Zeitung am 26. August 2014 erschien ein Interview mit ihr, aus dem wir Frau Stoschek wie folgt zitieren:

„Als Familie bekennen wir uns geschlossen zu unserem Unternehmen. Firmeninteressen stehen bei uns vor Familiär- und Partikularinteressen. (…)Denn die größte Chance eines Familienunternehmens – die Familie – ist immer auch ihr größter Feind, wie aktuelle Beispiele eindrucksvoll dokumentieren.“

Eine starke, intakte Familie vermittelt Stabilität für das Familienunternehmen. Gleichzeitig kann die Unternehmerfamilie auch ein großer Risikofaktor sein, wenn Konflikte aus der Familie ins Unternehmen „sickern“ und dort Schaden anrichten. Der Zusammenhalt der Familie ist Basis und unverzichtbares Gut für die Zukunftssicherung eines Familienunternehmens. Diesen Zusammenhalt über Generationen zu sichern ist oberstes Ziel einer Familienverfassung, jenem gemeinsam erarbeiten Regelwerk, welches das Verhältnis und Verhalten der Familie zum Unternehmen und v.a. untereinander klärt.

Die Familienverfassung ist mittlerweile ein anerkanntes Instrument professioneller Unternehmerfamilien. Vor allem der emotionale Mehrwert in Form von Familienzusammenhalt, Identifikation mit dem Unternehmen und Stolz auf das Geschaffene steht für die Mehrheit der Familien im Vordergrund. Eine gut durchdachte und professionell erarbeitete Familienverfassung stärkt die emotionale Bindung der Familie, dient der Vermögenssicherung und dem Erhalt des Unternehmenswertes.

Bei der Erarbeitung einer Familienverfassung gilt der Weg als Ziel. Am Anfang des Erstellungsprozesses kommt dabei einer Frage immer wieder besondere Bedeutung zu: Wer gehört eigentlich zur Unternehmerfamilie? Dies scheint auf den ersten Blick trivial, doch angesichts des allgemeinen Wandels der Familie und der Notwendigkeit Unternehmen und Familie zu vereinen, wird schnell klar, dass diese Fragestellung nicht einfach zu beantworten ist.

Die wachsende Anzahl der Familienstämme, veränderte Familienverhältnisse durch Patchwork-Konstellationen, Mehrfachehen, uneheliche Kinder oder Adoptivkinder, all dies erschwert die Zugehörigkeitsdefinition. Selbst regionale und interkulturelle Faktoren wollen Beachtung finden, denn häufig erstreckt sich die Familie über mehrere Kontinente.

Auch das Selbst- bzw. Rollenverständnis der Familienmitglieder spielt hier mit ein. Welche Rollen nehmen die Ehepartner ein? Wer darf operativ im Unternehmen mitwirken? Letztendlich werden all diese Parameter von den einzelnen Akteuren auch noch subjektiv betrachtet und bewertet, was eine einheitliche Definition der Familienzugehörigkeit zusätzlich erschwert.

Unserer Erfahrung nach ist das Verständnis der Familienzugehörigkeit u.a. abhängig von

  • der Größe und Komplexität der Unternehmerfamilie
  • in welcher Generation sich das Familienunternehmen befindet
  • der Branche des Unternehmens: hier erleben wir z.B. unterschiedliche Identitäten je nachdem, ob es sich um produzierendes Gewerbe, Handel oder Dienstleistungsbetriebe handelt
  • interkulturellen Einflüssen, weil die Familie in verschiedenen Kulturkreisen lebt
  • der Region bzw. dem Land, in dem sich das Familienunternehmen befindet

Auf die Frage der Familienzugehörigkeit gibt es keine allgemeingültige Antwort. Jede Familie ist einzigartig und muss ihre individuelle Definition finden. Hierin liegt der Reiz und Vorteil der Familienverfassung, denn sie wird von der Familie selbst erarbeitet und behandelt also die speziellen Themen, die die Familie und ihr Unternehmen betreffen.  Im Gegensatz zum Gesellschaftervertrag ist die Familienverfassung kein juristisch bindendes Dokument. Die Familienverfassung ist weitläufiger und spiegelt die Identität der Unternehmerfamilie wider. Um dies zu erreichen gilt es, die richtigen Fragen zu stellen und auch „Tabuthemen“ anzusprechen.

Eine dieser Fragen ist die der Familienzugehörigkeit. Sie definiert schlussendlich, wer an dem weiteren Prozess der Erstellung der Familienverfassung sowie deren Wirken teilhaben darf, und wer nicht. Insofern ist besonders bei diesem stark emotionalen Thema eine externe Begleitung sinnvoll, denn die mitgebrachte Objektivität und Erfahrung kann helfen, unterschiedliche Sichten einander anzunähern, um Konsens zu erzielen.

By |2018-04-19T15:32:10+00:00Oktober 24th, 2014|Familie|