Vererben und erben: Psychologie des Gebens und Nehmens

Geben und Nehmen sind zwei recht anspruchsvolle menschliche Vorgänge, die tief in seelische Bereiche gründen. Sollten in einer Unternehmerfamilie schon in früheren Generationen Erbvorgänge stattgefunden haben, so wirken diese mit in die Gegenwart hinein. Gerade der Blick auf die früheren Generationen eröffnet Möglichkeiten, Erbkonflikte besser zu verstehen. Mit dieser Sichtweise lassen sich diese auch lösen.

Fragestellungen für die Erben

„Erbvorgänge der Vorerben werden vererbt.
Genetisch ist dies so noch nicht nachgewiesen“

Goethe hilft in vielen Lebenslagen, auch hier: der vielzitierte Spruch: „Was Du ererbst von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“ wirft folgende Fragen auf:

Wie mache ich mir das Ererbte zu Eigen?
Welchen Prozess muss ich durchlaufen, damit es meines wird?
Was ist für mich der Unterschied von geerbten und selbstverdienten Geld?
Wie sind die vorangegangenen Generationen mit Geld umgegangen?
Wie sieht mein ganz persönlicher Umgang damit aus?

Diese und andere Fragen können in einem persönlichen Coaching besser geklärt werden, als in Gesprächen mit Freunden und Verwandten. Da kann sich z.B. leicht bei den Gesprächspartnern angesichts des Geerbten das Gefühl von Neid einschleichen. Der Erbende hat ein völlig anderes Gefühl, denn für ihn heißt es: Viel Geld heißt nicht viel Glück. Wer ein Erbe angenommen hat, kommt nicht umhin, sich mit dem zu beschäftigen, was Goethe beschreibt mit „… erwirb es, um es zu besitzen“. Leitlinien für diesen Vorgang sind die oben formulierten Fragen.
Geerbtes Geld hat oft eine Geschichte
„Erblasten können sich
als Altlasten auswirken“

Im römischen Reich hat der Kaiser zur Sanierung seines Staatshaushaltes eine Latrinensteuer eingehoben; die Bedenken seiner Berater zerstreute er mit dem bekannten Ausspruch „Geld stinkt nicht!“. Dieses Bonmot dient vielfach als Rechtfertigung, dass die Herkunft des Geldes keine Rolle spielt. Heute achten wir in demokratischen Systemen aber sehr wohl darauf. Dies zeigt sich z.B. in der entsprechenden Gesetzgebung beim Thema „Geldwäsche“.
Wer Geld also erbt, ist gut beraten, sich mit der Geschichte des geerbten Geldes zu beschäftigen, denn mit diesem ist seine Herkunft und Entstehung verbunden. Wenn es z.B. mit großen Entbehrungen der Eltern verbunden ist, erbt man auch die Geschichte der Entbehrungen. Daher ist es ist nicht so einfach, mit geerbtem Geld eine gute Beziehung aufzunehmen. Und wenn das Erbe zusätzlich noch mit zukünftigen Verpflichtungen verbunden ist, wird es zum belastenden Fremdkörper. Erblasten sind dann Altlasten, und wenn sie als solche nicht erkannt und behandelt werden, wirken sie sich subtil als Überlastung aus.

Die Verwechslung von Geld und Liebe findet in unserer Gesellschaft häufig statt. Oftmals werden teure Geschenke gemacht, um Liebesdefizite und das damit verbundene schlechte Gewissen auszugleichen. In Unternehmerfamilien kann es vorkommen, dass sich vieles um die Firma und um das Geld dreht. Bei manchen Nachfolgern entsteht so das Bild, dass die Firma den Eltern schon immer wichtiger war als die unmittelbare Liebe zum Kind. So kann sich im Unbewussten des Nachfolgers eine Verknüpfung von Geld und Liebe entwickeln. Jahrzehnte später wird mit dem ererbten Geld dann eine Befriedung von nicht erhaltener Liebe unbewusst erwartet. Eine wirkliche Zufriedenheit wird sich jedoch nicht einstellen. Diese kann erreicht werden, wenn im Rahmen eines Coachings, das die psychologische Ebene berücksichtigt, die Verwechslung von Geld und Liebe reflektiert wird. Auf dieser Basis kann das Erbe auf einer betriebswirtschaftlichen und juristischen Ebene gut bearbeitet werden.
Erbengemeinschaften
„Der Einbezug der seelisch psychologischen Ebene
bei der Regelung des Erbes bringt die Lösung“

Geht das Erbe auf mehrere Personen über – womit eine Erbengemeinschaft entsteht – so ist bekannt, dass in vielen Fällen diese „Gemeinschaft“ wenig gemeinschaftliches Verhalten aufzeigt, sondern eher „gemeine Züge“ trägt. Es werden gegenseitig Vorwürfe und moralische Urteile ausgesprochen, auf Basis gesellschaftlicher Normen und Wertvorstellungen, die dann auch Gegenmaßnahmen rechtfertigen. Damit wird die seelisch-psychologische Ebene ausgeklammert, aus der jedoch die Konflikte kommen und auf der auch die Lösungsansätze liegen.

Bewusste und unbewusste EbeneWie schon ausgeführt, enthält ein Erbe oft auf der unbewussten Ebene ungeklärte Altlasten. Diese werden in der Regel nicht gleich auf alle Beteiligten einer Erbengemeinschaft verteilt, sondern treffen – im Sinne eines Sündenbockes – den einen Geschwisterteil oder den Cousin oder der Cousine in besonderer Weise. Sein oder ihr Verhalten ist dann für die anderen der Stein des Anstoßes. Scheinbar völlig unangepasste überzogene Forderungen lösen eine moralische Entrüstung bei den anderen aus. Dies erschwert einen tieferen Erkenntnisprozess über die unbewussten Vorstellungen, wie die Kommunikation idealerweise ablaufen sollte. Ohne kompetente psychologische Begleitung wird eine Klärung schwer gelingen. So ist das häufige Erscheinungsbild von Erbengemeinschaften zu erklären: In langwierigen Prozessen wird ein Teil des Erbes in Form von Rechtsanwalt- und Gerichtskosten aufgerieben. Zurück bleiben zerrüttete Familien, die sich an dem verbleibenden Vermögen nicht mehr richtig erfreuen können. Wer sich ein Erbe zu unrecht erstritten hat, für den gilt das Sprichwort: Unrecht Gut gedeiht nicht gut. Eine Lösung liegt im Einsatz geeigneter, psychologischer Methoden, wie Organisationsaufstellungen (vgl. beispielsweise das Buch unseres Family Consultants Georg Senoner: Management macht Sinn, Organisationsaufstellungen in Managementkontexten, Carl-Auer Verlag 2010; sowie Franz Ruppert: Trauma, Angst und Liebe, Unterwegs zu gesunder Eigenständigkeit und wie Aufstellungen dabei helfen, Kösel Verlag, 2012).
Mediation als Lösungsweg

Die Kommunikation bei Erbauseinandersetzungen ist gekennzeichnet dadurch, dass die Beteiligten sehr viel reden. So bekommen alle das Gefühl, dass ihnen nicht ausreichend zugehört wird. Somit verlagert sich die Kommunikation ins Schriftliche, in Form langer Mails und Briefe (die auch nicht wirklich aufmerksam gelesen werden). Für die weitere Interessenswahrung wird dann oft der juristische Weg beschritten. Die schon privat ausgetauschten Worte werden angereichert mit langen Schriftsätzen von Rechtsanwälten, womit sich eine gemeinsame Interessenslage etabliert: den Betroffenen, also den Mandanten, dienen die vielen gesprochenen und geschriebenen Worte zur Ablenkung von tiefer liegenden Emotionen, was einen hohen Ablenkungsnutzen hat. Und die jeweiligen „gegnerischen“ Rechtsanwälte haben natürlich ihren Einkommens-Nutzen.

Das Im-Konflikt-sein im Kontext einer Erbengemeinschaft beinhaltet meist einen Nutzen des Problems. Dieser paradoxe Sachverhalt wird in Medizinerkreisen als „Krankheitsgewinn“ bezeichnet. Dies ist eine recht ungewöhnliche Sichtweise, denn jeder will ja, seiner Meinung nach, das Problem lösen bzw. die Krankheit loswerden. Darin einen Nutzen (oder Gewinn) zu sehen, kann einem zunächst ironisch anmuten, entspricht aber psychologischer Erfahrung.
Bei Erbauseinandersetzungen kann man beobachten, dass jeder auf den anderen schaut – und nicht auf sich selbst. Auch das ist eine Form von Ablenkungsnutzen. Es gibt – so sehr es auch nicht wahrgenommen werden will – eine eigene Beteiligung an dem Konflikt. Geübte Mediatoren können dies – so eine gewisse Bereitschaft für einen solchen Prozess gegeben ist – herausarbeiten.

Das Thema „Erben“ vertieft Dr. Bernd LeMar in seinem Buch, „Generations- und Führungswechsel im Familienunternehmen: Mit Gefühl und Kalkül den Wandel gestalten“, Springer 2. Aufl.2014. Diesem ist ein eigenes Kapitel gewidmet (Seiten 197-226): http://www.springer.com/de/book/9783642546914

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By |2018-04-17T10:42:21+00:00April 11th, 2016|Allgemein|