Vom dünnen zum dicken Eis

 

… Wie Seniorunternehmer lernen, zu vertrauen und loszulassen

Nach einem langen und anstrengenden Unternehmerleben entspannt den Ruhestand genießen, bislang Versäumtes nachholen oder ein neues Hobby beginnen? Das klingt eigentlich verlockend und erstrebenswert. Die Wirklichkeit sieht jedoch oft anders aus. Immer wieder begegnen mir in meiner Beratungspraxis Unternehmer, die sich mit 70 oder gar 75 Jahren ihren Verbleib im Unternehmen noch einmal um fünf oder mehr Jahre verlängern. Ihre Begründungen, warum sie die unternehmerische Verantwortung doch noch nicht abgeben können, sind dabei sehr ideenreich. In den meisten Fällen geben sie wichtige Projekte an, die nur sie allein umsetzen können. Letztendlich kaschieren sie damit aber lediglich, dass sie nicht loslassen wollen. Ich erlaube mir dann stets zu fragen: „Sind Sie denn nicht Unternehmer geworden, weil Sie unabhängig sein wollten? Nun machen Sie sich abhängig von Ihrem Unternehmen und damit das Unternehmen von sich.“ Die Reaktionen auf diese Radikalintervention sind sehr unterschiedlich. Manche schmunzeln, andere reagieren auch verärgert, viele schweigen.

Grundsätzlich gilt: Der Generationswechsel sollte nicht zu spät erfolgen. Bei allem Respekt vor dem Lebenswerk des Seniors – das Unternehmen muss in die Zukunft geführt werden, das kann schon rein alterstechnisch nur der Nachfolger tun. Ein zeitlich gut getimter Stabwechsel steht für weitsichtige Planung und fördert die Zukunftsfähigkeit. Diese Argumentation, wie logisch sie auch ist, scheinen viele Senioren aber eben nicht gern zu hören. Psychologen vermuten – und das bestätigt mir auch meine Beraterpraxis –, dass der Ausstieg aus dem Unternehmen als ein Nicht-mehr-gebraucht-Werden, ein Unnütz-und-überflüssig-Sein, als ein Verlust des Lebenssinns, vielleicht sogar als ein symbolischer Tod verstanden wird. Deshalb lässt sich der Generationswechsel auch nicht durch erhöhten Druck auf den Senior forcieren.

Was können wir als Berater in dieser Situation tun? Wir appellieren zunächst einmal vorsorglich an die Senioren, die negativen Gefühle, die sie beim Thema Ausstieg empfinden, positiv umzudeuten: Anstatt den Ausstieg als Verlust des Lebenssinns oder gar symbolischen Tod zu sehen, sollten sie besser formulieren: „Ich gewinne neue Perspektiven hinzu, indem ich mich nach einem erfolgreichen Unternehmerdasein verdienterweise einmal ausgiebig um mich selbst, meine Familie und vieles mehr kümmere.“ Und auch indem wir den Senioren klarmachen, dass kein Mensch je alles getan hat, dass kein Job je restlos erledigt ist, helfen wir ihnen dabei, sich auf den Ausstieg einzustimmen. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gern einen Satz des Seniors eines der größten deutschen Familienunternehmen, der mich sehr beeindruckt hat. Er sagte in sehr hohem Alter zu mir: „Plonner, wissen Sie, ich war in vielen Momenten in meinem Leben an dem Punkt, wo ich dachte, jetzt hab ich es geschafft, jetzt ist es erreicht. Pustekuchen. Das war jedes Mal eine Täuschung, denn es ging doch immer weiter.“ Eben: Ein Grund weiterzumachen, findet sich immer – es sei denn, man lässt es bewusst und aktiv nicht zu.

Neben der Erzeugung einer positiveren Stimmung stärkt auch die Art, wie der Ausstieg praktisch umgesetzt wird, den Willen zum Loslassen. Wir als Berater machen mit diesem Ansatz gute Erfahrungen: Zunächst sprechen wir jede einzelne Aufgabe mit dem Senior durch, machen ihm so auch noch einmal transparent, was und wie viel er tagtäglich tut. Auf dieser Grundlage soll er dann Prioritäten setzen und überlegen, welche Aufgaben er nach und nach an den designierten Nachfolger übertragen kann und schließlich auch praktisch überträgt. Der Senior wird zunächst noch befürchten, dass er mit seinem Unternehmen das sichere Ufer verlässt und sich auf dünnes Eis begibt, wenn er sich mehr und mehr herauszieht und dem Nachfolger die Aufgaben überlässt. Er erkennt aber über dieses schrittweise Delegieren das Gegenteil, nämlich, dass er seinem Nachfolger vertrauen kann, dass das Eis immer dicker wird und trägt – zumal das Misstrauen gegenüber dem Nachfolger auch nicht fair ist. Dann ist der Zeitpunkt für den endgültigen Stabwechsel gekommen. Wir als Berater bleiben auch hierbei nicht am Ufer stehen und geben von außen Anweisungen, sondern begeben uns mit dem Senior aufs Eis, tasten uns gemeinsam voran, befördern das Vertrauen in den Junior, indem wir auch diesen begleiten. Parallel dazu ermutigen wir den Senior, sich sinnstiftende Projekte außerhalb des Unternehmens aufzubauen: das neue Hobby, ein Ehrenamt – es gibt viele Möglichkeiten.

Die auf diese Weise erfolgreich ausgestiegenen Senioren laden wir gern zu unseren Veranstaltungen, zu Terminabenden oder Vorträgen ein und lassen sie von ihrem Weg des Loslassens erzählen. Dabei beobachten wir, dass die noch aktiven Senioren dann sehr aufmerksam zuhören, nachdenklich werden – um dann hoffentlich den ersten Schritt zu wagen und die Spirale des Nicht-Loslassen-Könnens und -Wollens hinter sich zu lassen.

By |2016-11-16T11:03:07+00:00November 16th, 2016|Allgemein|