Manchmal braucht es einen Sündenbock

„Ich halte es nicht mehr aus, andauernd den Sündenbock zu spielen, wo ich doch meine ganzen Kräfte in die Leitung des Unternehmens investieren müsste“, klagt der stellvertretende Geschäftsführer eines Familienunternehmens das zwar sehr gute Wachstumsraten verbuchen kann, aber mit schweren finanziellen Problemen kämpft.

Der siebzigjährige Firmengründer hat die Rolle des Geschäftsführers an seinen Sohn abgetreten, aber da er den Fähigkeiten des Sohnes wohl nicht ganz traut, hat er ihm einen seiner erfahrensten Führungskräfte als stellvertretender Direktor zur Seite gestellt.

„In der Tat erwarten beide, dass ich die Geschäfte führe. Der Junior, weil er wohl nicht zu viel Verantwortung zu übernehmen will, der Senior, weil er in mir den einzigen Mitarbeiter sieht, der eine strategischen Vision entwickeln kann und die nötige Erfahrung mitbringt, um die täglichen Probleme zu lösen. Aber dann werden meine Entscheidungen regelmäßig mal vom einem, mal vom anderen übergangen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. “

Der Alltag in Familienunternehmen ist häufig mit Paradoxien und Dilemmata gespickt. Als Vater möchte der Gründer des Unternehmens, dass sein Sohn sein Lebenswerk weiterführt, als Unternehmer, erkennt er jedoch, dass dieser wohl nicht die richtige Person für diese anspruchsvolle Aufgabe ist. Als Kind möchte der Sohn sich die Liebe und Wertschätzung seines Vaters verdienen, als eigenständige Person möchte er, selbstbestimmt einen Beruf wählen, in dem er seine Neigungen entfalten und seine Wünsche erfüllen kann.

Der Manager bräuchte eine klare Beauftragung und die entsprechende Entscheidungskompetenz und Weisungsbefugnis, um die Geschäfte führen zu können. Aber von seiner Vertrauensperson erwartet der Gründer-Vater auch bei der Lösung der Beziehungsprobleme mit seinem Sohn die volle Unterstützung. Diese stillschweigende Erwartung wird jedoch nicht ausgesprochen und somit wird der Mitarbeiter ungefragt zum Sündenbock, der die „Schuld“ dafür ausbaden muss, dass weder Vater noch Sohn es schaffen, die Nachfolgeentscheidung sauber zu klären.

Wie kann man solch eine vertrackte Situation lösen?

Die Systemtheorie erklärt, dass in sozialen Systemen Paradoxien und Dilemmata meist die Regel sind und nicht die Ausnahme. Für Dilemmata und Paradoxien gibt es keine rationale Lösung aufgrund derer man kann sagen, dass die Alternative A objektiv besser ist als die Alternative B.

Oft besteht die Lösung in einem Kompromiss, der die zeitliche Dimension berücksichtig: zum Beispiel heute wählen wir A, in Zukunft B, oder man trifft eine räumliche Unterscheidung, wie: zu Hause wählen wir A, im Unternehmen hingegen B. Manchmal muss man sich auch darauf verlassen, dass die Lösung von außen kommt und die Entscheidung durch irgendeine Veränderung ganz leichtfällt. Das logische Modell des Tetralemma kann uns im Umgang mit Dilemmata sehr hilfreich sein. (siehe Insa Sparrer „Wunder, Lösung und System“ oder Rosselet und Senoner „Management Macht Sinn“)

Im oben zitierten Fall könnte der Manager zur Kenntnis nehmen, dass die Wutausbrüche des Unternehmers schnell vorübergehen (d.h. die Zeit-Dimension bedenken). Er kann aber auch dafür sorgen, dass die Folgen der spontanen Entscheidungen der beiden Eigentümer, eingegrenzt werden (d.h. auf einen bestimmten Raum beschränkt bleiben), wenn sie mit seiner eigenen Strategie in Konflikt stehen. Er kann sie als Ausnahme definieren und anschließend im Einvernehmen mit den Eigentümern die Regel bestätigen. Er kann sich auch mit der Tatsache abfinden, dass der Konflikt zwischen Vater und Sohn eine unvermeidliche Phase im Prozess der Generationenablöse darstellt und darauf vertrauen, dass sie früher oder später eine zufriedenstellende Lösung finden werden.

Der Manager könnte seine Sozialkompetenz dafür einsetzen, dass er als „Sicherheitsventil“ für die Spannungen zwischen Vater und Sohn fungiert und die „Schuld“ für die unglücklichen Entscheidungen oder Handlungen auf sich nimmt. Dadurch gewinnt er vermutlich das Vertrauen der beiden, eine notwendige Bedingung, um als Vermittler zu agieren zu können. Dies würde bedeuten, dass er bewusst die Rolle des Sündenbocks übernimmt und diese Rolle, die er als ungerecht und erniedrigend empfindet mit Demut spielt.

Dies setzt voraus, dass er sich bewusst ist, dass es den Eigentümern eines Familienunternehmens manchmal nicht gelingt, die zwei Systeme Familie und Betrieb sauber zu trennen. Er stellt sich also bewusst in den Dienst beider Systeme und nimmt einen Teil der Spannung auf sich, bis eine gute Lösung gefunden wurde. Es ist ein Balanceakt, den er natürlich nur für eine bestimmte Zeit leisten kann und aus dem er sich sobald als möglich zurückziehen sollte.

Dies ist aber bei weiten nicht die häufigste Reaktion. Oft lassen sich Führungskräfte als Vertraute des Unternehmers unbewusst in die Beziehungsdynamiken zwischen den Generationen hineinziehen und werden dabei verbrannt. Oder sie erkennen das Spiel und entscheiden, dass sie es nicht mitspielen wollen und suchen sich eine andere Stelle.

In solch einer Stress-Situation kann Coaching eine wertvolle Unterstützung bieten, um die Beziehungsdynamiken besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, wie dieses gemeistert werden können. Eine besonders wirksame Methode für das Coaching sind die Management Constellations, bei der die Beziehungsdynamiken simuliert werden können.

Im Fall, den wir hier beschrieben haben, hat der Manger einen Coach aufgesucht. Aber natürlich könnten die Unternehmer, Vater und Sohn, genauso in vielfacher Weise vom Coaching profitieren. Sie könnten erkennen, in welche undankbare Rolle sie ihren Mitarbeiter unbewusst hineindrängen und welches Risiko sie dabei eingehen, einen wertvollen Mitarbeiter zu verlieren. Sie könnten sich des Dilemmas der Unternehmensnachfolge bewusstwerden und Wege finden, es anzusprechen und zu klären. Sie könnten natürlich auch Lösungen finden, die Vater und Sohn in gleicher Weise zufrieden stellen. Unternehmer sind gewohnt Probleme schnell und erfolgreich zu lösen. Oft greifen sie dabei auf die Macht zurück, die aus ihrer hierarchischen Position als Unternehmer erwächst. Bei Problemen, die an der Schnittstelle zwischen Familie und Unternehmen entstehen, führt dies allerdings leicht auf einen Holzweg.

Zurück zur Übersicht

By |2016-03-17T12:04:33+00:00März 17th, 2016|Firma, Führung|