Führung – eine Medaille mit zwei Seiten

Wer heute an Führung denkt, beschäftigt sich meist mit dem Aspekt „Führen von Mitarbeitern“, damit diese produktiv zusammenarbeiten und mit Engagement die Unternehmensziele verfolgen.

Führung hat aber noch eine andere Seite, die nicht nur die Mitarbeiter, sondern in erster Linie das Management des Unternehmens selbst betrifft. Wie führt sich der Manager/ Geschäftsführer vor seinen Kunden, den Mitarbeitern, der Öffentlichkeit (auf)? Trägt er – oder sie – positiv zur oft beschworenen Corporate Identity des Unternehmens bei? Neben den vielen positiven Beispielen in der deutschen Wirtschaft kann es da auch schon einmal zu Ausfällen kommen. Wer kennt sie nicht, die weniger positiven Beispiele, ob es sich dabei etwa um eine traditionsreiche Kaufhauskette, einen inzwischen vom Markt verschwundenen Telekommunikationskonzern oder auch eine Bank handelt? Nun löst das in großen börsennotierten Unternehmen meist allenfalls eine vorübergehende atmosphärische Störung aus. Man trennt sich in gegenseitigem Einvernehmen, meist noch begleitet von einer attraktiven Abfindung für die handelnden Akteure, und wendet sich vielversprechenderen Kandidaten zu. Nach ein paar Jahren ist die Angelegenheit meist vergessen und kratzt nicht mehr am Ruf des Unternehmens.

Ganz anders stellt sich die Situation hingegen bei einem familiengeführten Unternehmen dar. Hier gibt es eine hohe und nicht auflösbare Identität von Person, Familie und Unternehmen. Die im Unternehmen tätigen Mitglieder der Unternehmerfamilie sind die Integratoren, die die Unternehmensziele und Interessen von Mitarbeitern, Standort, Kunden, Lieferanten, Kapitalgebern und Gesellschaftern ausbalancieren – und zwar persönlich und über sehr lange Zeiträume: Auswechseln nicht vorgesehen!

Daher sind die Anforderungen an die „Führung“ der Mitglieder der Unternehmerfamilie auch anspruchsvoller und sogar generationenübergreifend. Da das Unternehmen oft seit vielen Jahrzehnten am öffentlichen Leben und der Gestaltung des Unternehmensstandorts teilnimmt und weil Mitarbeiter(-Familien) oft besonders lange dem Unternehmen treu bleiben, sieht sich das Familien-Management einem – fast ewigen – kollektiven Gedächtnis gegenüber, das fast nichts vergisst. Im Guten wie im Schlechten. Besonders im Fokus steht dabei das Verhalten der Unternehmerfamilie, was besondere Sensibilität – oder einfach nur Vorsicht – erfordert.

Wie wirkt es auf die Belegschaft, wenn die Tochter der Unternehmerfamilie ein Praktikum absolviert und morgens so zwischen 8.30 und 9.00 Uhr in der Buchhaltung „eintrudelt“, obwohl für alle anderen der Arbeitstag bereits um 8.00 Uhr beginnt? Wie kommt es an, wenn der Neffe, inzwischen im Außendienst, als Einziger mit einem optisch wenig zurückhaltenden Wagen vorfährt, obwohl die Dienstwagenregelung dezente nutzenorientierte Fahrzeuge vorsieht? Was empfinden die Mitarbeiter, wenn Notbesetzungen während der Haupturlaubszeit selten oder nie von den jüngeren Mitgliedern der Unternehmerfamilie gestellt werden? Nur eine Stilfrage? Nein! Bei diesen Dingen handelt es sich um imageprägende Eindrücke, die die langfristige Führung des Unternehmens betreffen. „Der hat sich doch schon als Praktikant gedrückt…“, so das Urteil in der Betriebskantine, nachdem der spätere Geschäftsführer bei der Durchführung einer Investition für eine wichtige Betriebserweiterung gescheitert war. Wie gesagt: Das kollektive Gedächtnis ist unerbittlich. Auch dann, wenn es sich ehemals um kleinere Stilbrüche von Jugendlichen handelte.

Was tun, um solche Situationen zu verhindern? Offene Kommunikation mit dem Nachwuchs und dessen gute Vorbereitung lautet eine Antwort. Oft fehlt es Jugendlichen noch an treffsicherem Stilempfinden. Umso wichtiger, dass ein „Senior“ (das kann auch ein älterer Bruder sein) dem „Novizen“ die hoffentlich im Konsens mit der Führung abgestimmten Verhaltensregeln, die „Goes“ und „No-Goes“, näher bringt. Ergänzt wird das vielleicht sogar um ein paar Rollenspiele zum Thema Verhalten in verfänglichen Situationen. (Lächeln Sie bitte nicht, es sei denn, Sie wissen ganz genau, was Ihr Sohn oder Ihre Tochter den ganzen Tag über im Unternehmen so „treibt“.)

Manchmal kann es auch sinnvoll sein, hier einen glaubwürdigen Berater oder Coach Ihres Vertrauens einzusetzen. Die Hinweise werden dann häufig vorurteilsfreier angenommen als von einem Familienmitglied. Eine solche Maßnahme zahlt sich aus, spätestens, wenn der spätere Geschäftsführer dann in einer Krisensituation auf die uneingeschränkte Unterstützung seiner Mitarbeiter angewiesen ist. Konkrete Vorschläge, wie Sie sich diesem Thema systematisch nähern können, werden wir für Sie in einem weiteren Blog-Beitrag aufbereiten.

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By |2018-04-18T07:45:26+00:00August 14th, 2014|Führung|