Die Familienverfassung: Wer sie noch nicht hat, will sie

Jede vierte Unternehmerfamilie hat sie bereits, 75% der restlichen befragten Familienunternehmen will sie innerhalb der nächsten fünf Jahre erarbeiten: Die Familienverfassung. Dies ging bereits 2011 aus einer Studie von INTES in Kooperation mit PWC und WHU hervor. Die Familienverfassung ist mittlerweile ein anerkanntes Instrument professioneller Unternehmerfamilien.

Bisher verfügen vor allem ältere Unternehmen mit einer hohen Anzahl an Familiengesellschaftern über ein solches Regelwerk. Dabei bietet die Erarbeitung aber auch für kleine und junge Unternehmen viele Vorteile – bereits ab der zweiten Generation stärkt die Familienverfassung der Familie und der Firma den Rücken.

Eine Familienverfassung ist eine von allen Mitgliedern einer Unternehmerfamilie gemeinsam ausgearbeitete und im Konsens beschlossene schriftliche Zusammenfassung von Regeln, Verhaltensnormen, Absichten, Zielen und Werten der Unternehmerfamilie. Im Unterschied zum Gesellschaftervertrag ist sie weitläufiger, denn sie regelt den Umgang innerhalb der Familie und sorgt somit auch für einen emotionalen Mehrwert.

Für die Familie steht klar der emotionale Mehrwert im Vordergrund. Bereits der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung stärkt den Zusammenhalt der Familie, fördert die Identifikation mit dem Unternehmen und sichert den Familienfrieden. „Tabuthemen“ werden offen angesprochen, wodurch Klarheit in der Familie geschaffen wird. Die Familienverfassung bildet des Weiteren eine Grundlage für die Nachfolgeregelung und sichert somit den Fortbestand des Unternehmens über Generationen hinweg. Klare Regeln helfen Konflikten vorzubeugen und (Führungs-)krisen zu meistern. Sie wirken auch positiv auf Führung und Aufsicht, denn sie liefern dem Management Klarheit, Sicherheit und Orientierung hinsichtlich langfristiger Ziele und Werte der Eigentümer. Hinzu kommt noch der positive Effekt der Außenwirkung einer starken, geeinten Unternehmerfamilie als Wettbewerbsvorteil. Indirekt stellt sich somit auch ein wirtschaftlicher Mehrwert für das Familienunternehmen mit einer bestehenden Familienverfassung ein (laut der eingangs erwähnten Studie stellt sich bei 58 % der Unternehmen mit Familienverfassung eine jährliche Umsatzrendite > 5% ein, bei Familienunternehmen ohne ein solches Regelwerk ist dies lediglich bei 46% der Fall).

Die Erarbeitung

Der Prozess kann auf unterschiedliche Arten seinen Anfang nehmen. Eine Möglichkeit ist ein erstes Treffen mit der Familie zur Klärung der Erwartungen an das Projekt und der Besprechung eines möglichen zeitlichen Ablaufes. Danach folgen Einzelgespräche mit allen Familienmitgliedern, eventuell in Kombination mit der Aussendung und Beantwortung eines Fragebogens. Diese dienen der Informationssammlung und zeigen Tatbestände, Wünsche und Ziele, sowie bestehende Abkommen und Regeln auf.

Die Ergebnisse aus der Informationssammlung werden im Rahmen eines Familienworkshops in einem oder mehreren Treffen bearbeitet und ausgewertet. Hier kommen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der persönlichen Meinungen zur Sprache. Themen wie Geschichte, Werte, Visionen, Person, Familie oder Unternehmen stehen hier im Vordergrund. Ein wichtiger Teil des Prozesses ist das Ansprechen und Aufarbeiten von „Sprengstoffthemen“ innerhalb der Familie. Besonders an dieser Stelle ist eine Unterstützung durch externe Moderatoren und Spezialisten von Vorteil, da diese im Prozess eine neutrale Position einnehmen. Die Objektivität und die mitgebrachte Erfahrung in der Bearbeitung von Familienverfassungen helfen, verhärtete Fronten anzunähern und einen gemeinsamen Konsens zu erreichen.

Im nächsten Schritt werden aus den gesammelten Meinungen der Familienmitglieder einzelne Themenbereiche in Arbeitsgruppen behandelt und die Ergebnisse dann in einer Feedbackschleife mit den restlichen Familienmitgliedern angepasst. Das Ergebnis ist ein erster Rohentwurf der Familienverfassung. Auf der Basis dieses Entwurfs werden spontane Gespräche und Beratung nach Wunsch durchgeführt, um die Positionen der Familienmitglieder zu überprüfen und unterschiedliche Meinungsgruppen anzunähern.

Am Ende werden alle Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen und Workshops zusammengeführt und nach letzten Feinabstimmungen von der Familie in eine schriftliche Form gebracht. Die Familienverfassung wird an einem gemeinsamen Familientag von allen Mitgliedern festlich unterzeichnet und somit anerkannt. Damit scheint der Prozess vorerst beendet. Jedoch ist es von äußerster Wichtigkeit, die gemeinsam formulierten Werte, Ziele und Regeln auch aktiv vorzuleben und die Familienverfassung gemäß der dynamischen Entwicklung der Familie und des Unternehmens laufend zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Dies schafft ein Fundament für erfolgreiches Unternehmertum, auch für zukünftige Generationen.

By |2018-07-12T10:20:36+00:00Juli 25th, 2014|Familie, Firma, Führung|